Samstag, 24. Januar 2015

Problem Fluglärm wird in Deutschland immer kleiner ?

In der vergangenen Woche erschienen an verschiedener Stelle  einige Artikel zur Veröffentlichung einer Lärmkartierung des Umweltbundesamtes. Danach geht die Zahl der Zahl Fluglärmbetroffenen zurück. Das Problem Fluglärm würde in Deutschland immer kleiner, heißt es. Wie ist das möglich, bei täglich neuen Rekordmeldungen zum Passagieraufkommen?


Der Fluglärm konzentriert sich auf Wenige
Erstens: Deutsche Flughäfen haben im internationalen Vergleich sehr wenige Start- und Landebahnen. Während der Verkehr zum Beispiel in Amsterdam auf sechs Bahnen gezielt auf verschiedene Regionen verteilt wird,  haben wir in Düsseldorf zwei dicht nebeneinander liegende Parallelbahnen. Alle 250 bis 400 täglich anfliegenden Maschinen nehmen den gleichen Weg.  So bleibt die Zahl der Betroffenen klein. Wen es aber trifft, den trifft es heftig. Neue, zusätzliche Bahnen für die Aufnahme von zusätzlichem Verkehr wären teuer und politisch nicht durchsetzbar. Jede Steigerung des Verkehrs belastet aber die ohnehin schon Betroffenen zusätzlich. Zweitens: Kleine Flughäfen sind wirtschaftlich nicht überlebensfähig. Ihre Passagierzahlen gehen zurück. Der Verkehr soll im Interesse der Wirtschaftlichkeit verlagert werden auf die großen Standorte. So haben wir insgesamt ebenfalls weniger Lärmbetroffene. Drittens: Durch immer präzisere Steuerung der startenden und landenden Maschinen wird die Streuung der Flugwege zusätzlich vermindert. Auch das senkt die Zahl der Betroffenen. Wie unter einem Brennglas wird der Lärm auf die Ein- und Abflugschneisen der rentablen Großflughäfen fokussiert. Dafür gibt es Zustimmung in der Mehrheitsbevölkerung. Wenige Betroffene tragen ständig höhere Lasten. Dieser Zusammenhang wird gern verdrängt.

Lärmarten sind nicht vergleichbar
Straßen- und Schienenlärm haben mit Fluglärm wenig Gemeinsamkeiten. Lärm, der vom Erdboden ausgeht, ist auf der abgewandten Gebäudeseite leiser. Schallschutzwände und Tempolimits können zusätzliche Milderung bringen. Fluglärm kommt von oben. Deshalb wird er von vielen Menschen unbewusst viel eher als Bedrohung erlebt als terrestrische Geräusche. Im Freien ist man schutzlos ausgeliefert. Die Frequenzen des Fluglärms haben eine eigene Charakteristik, die als besonders unangenehm wahrgenommen wird. Donnergrollen mischt sich mit mit Frequenzen, die wir von Kreissägen und schreienden Kindern kennen. Darauf reagieren Menschen sehr empfindlich. Im Landeanflug haben die Maschinen einen Abstand von ca. 5,5 km. Der zeitliche Abstand beträgt etwa 90 Sekunden. Das ständige An-und Abschwellen in einer leisen Umgebung erinnert an Sirenen und versetzt die Menschen in pausenlosen Alarmzustand.

Der Aussagewert von Lärmberechnungen ist fragwürdig
Lärmberechnungen für die Bestimmung der so genannten Schutzzonen oder Lärmkarten sind sehr kompliziert und für Laien kaum überprüfbar. Selbst eine Verdopplung der Flugbewegungszahlen führt bei den zugrunde liegenden Formeln nur zu einem relativ geringen Anstieg der Lärmwerte. Ganz unabhängig davon darf man aber den Aussagewert gemessener oder berechneter Lärmwerte im Hinblick auf die menschliche Empfindung  grundsätzlich bezweifeln.  Sie hängt von einer Vielzahl von Faktoren  ab,  die Art des Geräuschs, die Häufigkeit, der Spitzenwert, die Umgebungslautstärke und vieles mehr. Zweitens ist zu bedenken, dass in Lärmkartierungen ein angenommener Durchschnittwert für einen bestimmten Ort angegeben wird. Dieses Konzept ist falsch. Zwölf Wochen Ruhe sind kein Ausgleich für vier Wochen Dauerlärm.

PR ist billiger als Lärmschutz
Wir alle kennen die Defizite bei der industriellen Tierhaltung in der Lebensmittelproduktion. Glaubt wirklich jemand,  dass bei dem gnadenlosen Preiskampf der Fluggesellschaften und Ticketpreisen von zwanzig Euro irgendein irgendwie vermeidbarer Cent für Lärmschutz oder Entschädigung der Betroffenen ausgegeben wird?  Machen wir uns also nichts vor. Lärmschutz, leiseres Fluggerät und leisere Flugverfahren sind sehr teuer. In Abwägung entscheiden sich die Verantwortlichen nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und gegen die Interessen der Anwohner. 99% der Bevölkerung haben überhaupt keine Erfahrung mit relevantem Fluglärm, werden aber von der PR der Flughafenbetreiber mobilisiert, maßgeblich und mehrheitlich zu entscheiden, was dem einem Prozent Betroffener noch zuzumuten ist.

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